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... Wenn man den Pinsel in die Tusche taucht, spürt man zugleich Anspannung und Ruhe.

Interview mit Junko Baba
Veröffentlicht am 02.09.2019

──Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Können Sie sich einmal kurz vorstellen?

Baba: Ich bin Junko Baba und unterrichte in Österreich japanische Kalligraphie. Ich werde oft gefragt, warum ich das mache, aber zuerst möchte ich über meinen Hintergrund sprechen.

Ich wurde in der Präfektur Fukuoka in eine Kalligraphen-Familie geboren und begann mit der Kunst als ich 3 Jahre alt war. Mit 4 Jahren begann ich Klavier zu spielen und mit 6 Ölgemälde zu malen. Diese drei Dinge sind meine Grundlagen geworden. Als ich 18 Jahre alt war, bekam ich die Zulassung als Kalligraphie-Lehrerin. Mit 14 Jahren fing ich an zu singen und ging daher später nach Tokyo, um an der Universität Gesang zu studieren.

Genau zu der Zeit, als ich meine Masterarbeit schrieb, kamen zwei GastprofessorInnen aus Österreich angereist und unterrichteten uns einen Monat lang. Während dieser Zeit eröffnete sich mir eine neue musikalische Perspektive, die ich so in Japan nicht hatte. Daher wollte ich Musik in Österreich lernen und kam nach Salzburg. Nach meinem Studium bekam ich eine Stelle am Opernhaus in Linz wo ich 22 Jahre lang als Opernsängerin tätig war.

Ich habe in ganz Europa nach Arbeit gesucht, aber dass ich schlussendlich in Linz gelandet bin, halte ich für ein Schicksal. Immerhin sind die ProfessorInnen, die mich dazu inspiriert haben, auch aus Österreich. Man weiß wirklich nicht, was das Leben bringt (lacht).

Der Grund, weshalb ich zur Kalligraphie kam, war, da ich von vielen Menschen erfuhr, dass es eine Nachfrage dafür gab, nachdem die japanische Kultur in Österreich immer populärer wurde. Zwar habe ich mit der Musik gearbeitet, habe aber auch nebenher stets Kalligraphie gemacht, weshalb ich die Idee sehr reizend fand, es zu unterrichten. So beschloss ich ein Atelier in Wien aufzumachen. Anfangs habe ich versucht Musik und Kalligraphie in Einklang zu bringen, aber die kalligraphische Arbeit nahm erfreulicherweise zu, daher beschloss ich mich darauf zu konzentrieren.

──Vielen Dank. Sie sind also von klein an mit verschiedenen Künsten in Berührung gekommen und schicksalhaft nach Österreich gekommen. Hier sind Sie sozusagen wieder zu Ihrem Ursprung zurückgekehrt und haben begonnen, als Kalligraphie-Künstlerin zu arbeiten. Was ist dann das denkwürdigste Foto, das Sie ausgewählt haben?

Baba: Ich habe ein Foto aus dem Kalligraphie-Stück „Ensō“ ausgewählt. Zwar bezieht sich Kalligraphie auf das Schreiben von Schriftzeichen, aber wie ihr sehen könnt, beschreibt Ensō ein Symbol. Ensō stammt ursprünglich aus dem Zen-Buddhismus und die Zen-Mönche malen diesen Kreis jeden Morgen mit einem Pinsel. Man mag denken, dass es nur ein Kreis ist, aber den gleichen Kreis schafft man kein zweites Mal. Seltsamerweise spiegelt sich mein geistiger und gesundheitlicher Zustand in dem Kreis wider. Das Zeichen steht für Harmonie bzw. Universum, und in der buddhistischen Welt symbolisiert es Erleuchtung. Als Kalligraphin, die mit dem Pinsel als „Waffe“ kämpft, ist es meiner Meinung nach eine lohnende Arbeit, Ensō zu schreiben. Ich möchte mit diesem Werk aussagen, dass Österreich, Europa und Japan innerhalb desselben Kreises existieren.

──Drückt also dieses Zeichen immer den jetzigen Zustand des eigenen Ichs aus?

Baba: So ist es. Es gibt Zeiten, in denen es tatsächlich mein inneres Ich zum Ausdruck bringt. Manchmal, wenn ich mich nicht gut fühle, gewinne ich beim Schreiben dieses Symbols die Konzentration wieder. In diesem Sinne gibt es auch jene Leute, die kommen um Kalligraphie zu lernen und es als Meditation praktizieren. Wenn man sich nur darauf konzentriert einen einzigen Strich zu schreiben, kann man den Kopf dabei freimachen. Ich finde, dass dies in der heutigen Stress-Gesellschaft sehr wichtig ist.

──Was hat Sie denn als Erstes dazu bewegt überhaupt Ensō zu schreiben?

Baba: Ich glaube, wenn man Kalligraphie praktiziert, wird man auf jeden Fall auf Ensō stoßen. Zuerst denkt man: „Warum so ein Kreis?“, aber wenn man den Pinsel in die Tusche taucht, spürt man zugleich Anspannung und Ruhe. Ich fühle mich für einen Moment wie in einer anderen Welt. Beim Schreiben macht man sich stets Gedanken darüber, wie man das Zeichen schön schreiben kann oder wie man seine Gefühle zum Ausdruck bringt. Ensō jedoch verlangt eine momentane Bewegung, bei der man die tägliche Praxis in momentane Energie und Konzentration umwandeln muss. In diesem Sinne herrscht hier eine Gemeinsamkeit mit der Musik, mit der ich mich seit meiner Kindheit beschäftige.

──Also erkennen Sie einen Teil aus der Musik auch gut in der Kalligraphie wieder?

Baba: Ja, es ist für mich sehr eng miteinander verbunden. Ich denke, dass ich durch die Musik gelernt habe, das tägliche Üben nicht zu vergessen und mich über eine lange Zeitspanne zu konzentrieren. Auch meine Erfahrungen, die ich als Opernsängerin auf der Bühne gesammelt habe, lassen sich auf die Kalligraphie anwenden.

──Gibt es übrigens Unterschiede, wie Ensō in Japan und Österreich wahrgenommen wird?

Baba: Ich habe das Gefühl, dass es in Japan von jenen, die Meditation praktizieren, sehr geschätzt wird, aber allgemein scheint es für JapanerInnen eher schwer zu verstehen zu sein. In Österreich andererseits ist es wahrscheinlich so, dass Leute, die keine Hiragana und Kanji kennen, Ensō wie andere Zeichen wahrnehmen. Nichtsdestotrotz scheint es etwas zu geben, das sie anziehend daran finden. In dem Sinne, dass es keine Differenzierung für sie zwischen Schriftzeichen und Symbol gibt, glaube ich, dass sich die Art wie es aufgenommen wird von jener der JapanerInnen unterscheidet. Da es besonders in Europa viele Menschen gibt, die Yoga und Meditation praktizieren, scheint es so, dass diese Leute Ensō als etwas Einzigartiges sehen.

──Also wenn sich die Kultur unterscheidet, ändert sich in dem Fall die Interpretation und Sichtweise des Werkes… Nun kommen wir zu unserer letzten Frage. Sie sind ja bereits langjährig tätig in Österreich und planen auch weiterhin hier zu bleiben. Gibt es irgendwelche zukünftige Ziele, die Sie verfolgen?

Baba: Es sind mehr als 30 Jahre vergangen, seit ich nach Österreich kam, um Musik zu studieren. Dabei lernte ich durch die ÖsterreicherInnen nicht nur die Musik, sondern auch verschiedene kulturelle Aspekte kennen. Ich traf meine ProfessorInnen und FreundInnen, die ich respektiere. In Zukunft würde es mich freuen, wenn ich durch die Kalligraphie den Menschen ein wenig über Japan vermitteln kann. Es würde mich glücklich machen, wenn ich diese Tätigkeit fortsetzen könnte.

──Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg! Vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit genommen haben.

Baba: Vielen Dank!

Junko Baba
Kalligraphie-Künstlerin

ATELIER Operngasse
1040 Wien, Operngasse 23
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