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... Nach dieser (Erdbeben)Katastrophe fühlte ich mich Japan sehr nahe und andererseits doch sehr weit entfernt.

Interview mit Frau Tochigi
Veröffentlicht am 11.10.2019

──Bitte stellen Sie sich und Ihren Beruf kurz vor.

Tochigi: Ich heiße Tochigi und unterrichte Japanisch am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien.

──Was hat Sie dazu gebracht nach Österreich zu kommen?

Tochigi: Ich träumte schon seit der Oberstufe davon in Deutschland Japanisch zu unterrichten, daher absolvierte ich in den späten 80er Jahren eine Ausbildung zur Japanisch-Lehrerin am Nationalen Institut für Japanische Sprache und Linguistik (NINJAL). Da zu dieser Zeit eine Lektorin bzw. ein Lektor aus den Reihen der AbsolventInnen für zwei Jahre an das Institut für Japanologie (in Wien) geschickt wurde, bewarb ich mich dafür und bekam ab Herbst 1990 eine Stelle für zwei Jahre. Eine solche Möglichkeit gab es in Deutschland nicht, daher kam ich ins deutschsprachige Österreich.

Ich kehrte zwar 1992 nach Japan zurück, als mein Vertrag ausgelaufen war, da ich jedoch einen Österreicher (meinen jetzigen Ehemann) heiratete, kam ich 1994 wieder hierher und bin seitdem geblieben. An der Universität Wien unterrichte ich wieder seit 2000.

──Wie war Wien zu Beginn der 90er Jahre?

Tochigi: Die Atmosphäre war viel osteuropäischer als jetzt. Beim Einkaufen gab es wenig Auswahl an Waren, billige Dinge hatten schlechte Qualität, die guten Sachen waren wiederum exzessiv teuer und in der Mitte gab es nicht viel. Der Kundenservice war meistens nur bedürftig. Als ich damals nach (West-)Deutschland kam, fand ich eine große Auswahl an Waren, Farben und freundliche Angestellten vor. Ich hatte richtig das Gefühl „in den Westen gekommen“ zu sein.

──Wenn Sie kurzfristig nach Japan zurückkehren, gibt es irgendetwas dort, was Sie als unbehaglich empfinden?

Im Vergleich mit der ersten Hälfte der 90er ist es heute eine völlig andere Art von Unbehagen. Als ich damals nach Japan zurückkehrte, war ich von dem Kundenservice der japanischen Ämter und Geschäfte beeindruckt. Andererseits fühlte ich mich in der Situation unwohl, überall, soweit ich sehen konnte, nur JapanerInnen um mich zu haben. Wien war ja damals schon eine multikulturelle Gesellschaft.

Zwar hat heutzutage die Zahl der AusländerInnen auch in Japan zugenommen, aber ich habe immer noch das Gefühl, dass klar zwischen „JapanerInnen“ und „Nicht-JapanerInnen“ unterschieden wird und fühle mich daher in einem anderen Sinne unwohl. 

──Als Nächstes möchten wir Sie etwas zu dem Foto fragen. Was zeigt dieses Foto denn?

Tochigi: Dies ist ein Foto einer Spendenaktion in Wien im Frühjahr 2011, für die Menschen, die von der großen Erdbebenkatastrophe in Ostjapan betroffen waren (Anm.: großes Seebeben am 11. März 2011 vor der Sanriku-Küste der Tōhoku-Region, welches einen riesigen Tsunami ausgelöst hat). Das denkwürdigste Ereignis in der Beziehung der beiden Länder (Österreich und Japan) war für mich unmittelbar nach dieser Erdbebenkatastrophe. Für gewöhnlich ist es mir nicht so bewusst, dass ich mich im Ausland befinde, aber nach dieser Katastrophe fühlte ich mich Japan sehr nahe und andererseits doch sehr weit entfernt.

──Wie meinen Sie es genau?

Tochigi: Wie Sie wissen, ereigneten sich das große Erdbeben und der darauffolgende Tsunami im Osten Japans in den frühen Nachmittagsstunden japanischer Zeit. Hier wurde ich also gleich in der Früh, nachdem ich aufstand, mit der Tatsache konfrontiert, dass es in Japan eine große Katastrophe gab. In den Nachrichten wurden die ersten Videos wiederholt ausgestrahlt, die das heftige Beben im Raum, einen Tsunami, der auf den Flughafen Sendai zuraste, und dergleichen zeigten. In der Arbeit kam eine Anfrage, ob die Fakultät der Japanologie am Abend in einem Sonderprogramm Kommentare zu Evakuierungsübungen in japanischen Schulen liefern könnte.

Da meine Eltern aus der Präfektur Miyagi (Inland) stammen und ich einen Freund aus der Küstenregion der Präfektur Iwate hatte (der in den USA lebte), habe ich im Internet Informationen über diese Regionen gesammelt. Aber die Informationen wurden während der Nacht in Japan nicht aktualisiert und am nächsten Tag wurde bekannt, dass einige Städte entlang der Sanriku-Küste zerstört wurden. Es war das erste Mal, dass ich das Wort „Zerstörung“ auf die Realität bezogen gehört hatte.

Von da an fühlte es sich an, als hätte ich neben mir eine „Tür“, die direkt nach Japan führte und wenn ich sie öffnete, sah ich die Orte, die vom Tsunami zerstört wurden. Das war die Nähe zu Japan, die ich spürte.

Aber in Wien stand Ostern bevor und es erschien alles friedlich und glücklich. Ein paar Tage später wurde nur mehr über die Nuklearkatastrophe von Fukushima berichtet und alle waren besorgt, dass sich die radioaktive Kontamination von Japan auf die Welt ausbreiten könnte. Es schien, dass die Betroffenen in Vergessenheit geraten waren. Das war die Distanz von Japan, die ich spürte.

──Wie ist es zu der Spendenaktion gekommen?

Tochigi: Viele Menschen in Japan, und auch in anderen Ländern, fragten sich ob sie nicht irgendetwas tun könnten, auch wenn sie an Orten waren, die weit weg vom Katastrophengebiet sind. Auch in Wien sind mehrere Initiativen entstanden.

Es gab ebenso einige Projekte an der Universität. Wir beschlossen hinaus zu gehen um Spenden zu sammeln. Der Ehemann einer Kollegin, die am Projekt beteiligt war, war zu der Zeit beim österreichischen Roten Kreuz angestellt. So erhielten wir deren offiziellen Anerkennung und wurden auch von der Universität und der Stadt Wien genehmigt. Anfangs waren wir am Campus und Hauptgebäude der Universität Wien, später breitete sich unsere Aktivität auch auf die Innenstadt aus.

Im Rahmen der Rekrutierung nahmen circa 60 Personen, darunter Studierende der Japanologie, japanische Austauschstudierende und in Wien lebende JapanerInnen, teil. 

──Wie reagierten die ÖsterreicherInnen auf die Spendenaktion?

Tochigi: Allgemein war die Reaktion positiv. Meiner Meinung nach liegt es in der Natur der Menschen in Österreich, zu spenden, wenn andere in Not sind. Viele beteiligten sich, als sie uns sahen und daran erinnert wurden, dass Japan es schwer hatte. Am Ende war es auch sehr hilfreich, dass wir das Schild des Roten Kreuzes aufstellten, das in Österreich jede und jeder kennt.

──Und wie war das Ergebnis?

Tochigi: Die Spendenaktion war ein kurzfristiges Projekt mit dem Zweck, den Menschen, die die Nachrichten zu der Katastrophe sahen und sich Sorgen machten, vom Zustand danach zu schildern und sie um Spenden zu bitten. In einem Monat kamen 10.000 Euro (ca. 1.250.000 Yen) zusammen und, wie versprochen, wurde die volle Summe dem Roten Kreuz gespendet und das Projekt aufgelöst. Es gab auch kritische Bemerkungen dahingehend, dass es damit abgeschlossen war, doch da wir alle ein Studium oder Arbeit hatten, fand ich es schon in Ordnung, danach auf jeweils eigene Art Unterstützung zu leisten.

──Hat sich nach der Katastrophe bei den Studierenden, die an der Universität Wien Japanologie studieren möchten, etwas geändert?

Tochigi: Unmittelbar nach dem Erdbeben hieß es, dass es wohl von nun an einen drastischen Rückgang an neuen StudentInnen geben werde. Das war allerdings nicht der Fall. Es schreiben sich jährlich etwa 180-200 Personen neu für das Japanologie-Studium ein. 

Da es ein Studium ist, das man, solange man die Matura bestanden und ausreichende Deutschkenntnisse hat, ohne Aufnahmeprüfung beginnen kann, kommen Studierende unterschiedlicher Altersgruppen und Nationalitäten aus diversen Beweggründen zusammen.

Anscheinend gibt es viele, die die japanische Sprache und über die Kultur lernen wollen, die sie aus Kindheitstagen aus Anime und Videospielen „kennen“. Es überrascht mich auch, dass es viele Leute gibt, die schon vor Studienbeginn in Japan gewesen sind. 

──Nun zu unserer letzten Frage. Wie sehen Sie, Frau Tochigi, die in Österreich Japanisch unterrichtet, Ihre eigene Rolle?

Tochigi: Wie bereits erwähnt gibt es jedes Jahr mehr als 180 StudienanfängerInnen. Nicht wenige davon geben aber auf, weil es schwieriger ist als sie dachten oder fallen durch, weil sie nicht genügend Punkte erreichen. Nur etwa die Hälfte davon besteht alle Pflichtfächer und kommt in das zweite Semester weiter. Es gibt wohl einige, die die japanische Sprache erlernen, aber nicht über Japan forschen möchten.

Trotzdem kommt jährlich eine große Zahl an Studierenden.
Je mehr Studierende, desto mehr Arbeit fällt auch auf uns als Unterrichtende, aber ich denke es ist sehr wichtig, dass es Leute gibt, die sich für Japan und die japanische Sprache interessieren. Daher möchte ich auch, dass diejenigen, die nach ein paar Wochen mit dem Studium aufhören, nicht frustriert sind, sondern Erfolgserlebnisse haben, wenn sie zum Beispiel nach Japan kommen und dort einkaufen können, nachdem sie gelernt haben, Hiragana zu lesen oder Zahlen zu verstehen. 

Vor allem aber möchte ich jene so weit wie möglich unterstützen, die das Studium ernst nehmen bzw. das Ziel verfolgen, in Japan zu studieren oder zu arbeiten.

──Vielen Dank für das Interview!