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Inmitten des Hässlichen findet sich ein schönes Detail...

Interview mit Milena Michiko Flašar
Veröffentlicht am 10.12.2019

──Könnten Sie sich und Ihren Beruf kurz vorstellen?

Flašar: Ich bin Autorin. Mein letztes Buch „Herr Kato spielt Familie“ ist letztes Jahr im Verlag Klaus Wagenbach erschienen und spielt, wie sein Vorgänger „Ich nannte ihn Krawatte“, in Japan. Derzeit arbeite ich an einem Kurzgeschichten Projekt.

──Also auch ihr neues Buch ist eng mit Japan verknüpft. Was verbindet Sie denn persönlich mit Österreich bzw. Japan?

Flašar: Mein Vater ist Österreicher (mit tschechischen Wurzeln), meine Mutter ist Japanerin. Geboren bin ich in St.Pölten, war aber schon seit früher Kindheit regelmäßig in Japan. Dadurch, dass ich zweisprachig aufgewachsen bin, habe ich mich der Heimat meiner Mutter auch immer sehr nahe gefühlt – ein Gefühl, das über die Jahre sogar noch stärker geworden ist. Mittlerweile habe ich selbst einen Sohn, der Deutsch und Japanisch spricht.

──Dieser kulturelle Hintergrund ist somit auch in Ihre Werke eingeflossen. Nun, Frau Flašar, sind wir neugierig, welche Fotos Sie ausgewählt haben.

Flašar: Eins der Fotos zeigt ein Knäuel von Stromleitungen – ein typischer Anblick, man begegnet ihm in Japan an fast jeder Straßenecke. Das zweite Foto – nur knapp fünf Minuten später aufgenommen, zeigt einen krummen Kiefernbaum, ebenfalls ein recht typischer Anblick. Beide Fotos sollen zeigen, wie nah das Hässliche neben dem Schönen steht – ein Eindruck, den ich gerade in Japan als sehr intensiv erlebe. Rostiges Wellblech etwa, davor ein leuchtend roter Ahorn. Eins greift ins andere und ergibt ein harmonisches Miteinander.

──Nehmen Sie diese Dualität in Japan auch woanders besonders stark wahr?

Flašar: Gerade die japanische Literatur ist voll von solchen Beispielen. Inmitten des Hässlichen findet sich ein schönes Detail (oder umgekehrt). Sehr verstörend etwa in der Erzählung „Patriotism“ von Yukio Mishima (ich habe sie in einer englischsprachigen Kurzgeschichtensammlung gelesen): Er beschreibt darin die Liebe eines jungen Ehepaars, das am Ende Selbstmord begeht. Die Seppuku-Szene (der junge Mann ist Soldat) ist von einer ästhetischen, fast erotischen Bild- und Wortgewalt – einerseits anziehend, dann aber auch zutiefst abstoßend. Mir scheint, japanische Autoren haben ein feines Gespür für das Ineinander von solchen Gegensätzlichkeiten.

──Gibt es dafür auch Beispiele in Österreich?

Flašar: Einmal ist es mir passiert, dass ich in der übervollen U-Bahn in Wien – noch dazu im Sommer (alles schwitzt und dampft) – einen kleinen weißen Papierkranich auf einem der Sitzplätze gefunden habe. Einer dieser Momente: Inmitten des Lauten (und allzu Menschlichen) ein stilles (und fragiles) Kunstwerk. Und das Schönste daran: Es wirft Fragen auf. Fragen, die wiederum eine Geschichte erzählen: „Wer hat den Kranich gefaltet? Und warum? Hat er ihn vergessen? Oder mit Absicht liegen gelassen? Und wenn ja, was wollte er damit weitergeben?“ Als Autorin sammle ich solche Momente, um sie später an auch für mich unerwarteter Stelle in Text umzuwandeln.

──Würden Sie das Nebeneinander von Schönem und Hässlichem als Inspiration für Ihre Romane bezeichnen?

Flašar: Ja, wobei ich eigentlich lieber vom Traurigen im Schönen und vom Schönen im Traurigen erzähle…ein ähnliches Gegensatzpaar.

──Zum Abschluss möchten wir Sie noch fragen. was das Schreiben für Sie bedeutet?

Flašar: Schreiben, das bedeutet für mich das Ergründen des Offensichtlichen. Man glaubt, etwas zu begreifen, indem man es sieht, aber der Blick bleibt oberflächlich, solange man nicht ein wenig tiefer unter das Sichtbare schaut. Schreiben, das ist für mich genau das: Das Offenlegen von Abgründen, die in einem jeden von uns – knapp unterhalb der Haut – beginnen.


Milena Michiko Flašar
Autorin

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